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Von zuhause ausziehen – ein Erfahrungsbericht

Nach langer Wartezeit und viel Daumen drücken kam im August die Zusage für einen Studienplatz an einer Berliner Uni. Die Freude war groß, nicht nur, weil ich unbedingt an diese Uni wollte, sondern auch, weil ich schon länger den Traum hatte, einmal in Berlin leben zu können. Allerdings wurde auch klar, dass nun die sehr stressige Wohnungssuche beginnen würde, denn aufgewachsen bin ich bei Köln, somit war pendeln keine Option. Innerhalb von knapp zwei Monaten musste ich nun eine Unterkunft finden – und hatte damit noch Glück. Wer erst im Nachrückverfahren einen Studienplatz bekommt, hat mitunter noch weniger Zeit.

Die Wohnungssuche

Bei der Suche nach der Wohnung habe ich mich zu Beginn voll auf das Internet verlassen. In den einschlägigen Portalen suchte ich nach WGs und begann, Bewerbung nach Bewerbung zu verschicken, jedoch ohne großen Erfolg. Einzig eine Person meldete sich und bat um ein persönliches Treffen. Das lehnte ich ab, weil das Haus einer Studentenverbindung gehörte, in welche ich nicht beizutreten bereit war.

Fündig wurde ich letztlich erst durch Zufall. Eine Bekannte meiner Tante suchte einen Nachmieter. Dadurch kam ich sehr schnell in die günstige Situation, mir einen Mitbewohner aussuchen zu können. Da niemand aus meinem Bekanntenkreis eine Wohnung in Berlin suchte, stellte ich das zweite Zimmer in den Portalen ein, auf denen ich zuvor noch selbst gesucht hatte. Die Suche erwies sich als nicht allzu schwierig. Auf ein entsprechendes Angebot meldeten sich innerhalb weniger Tage über 60 Interessierte. Die Vorstellung, den zukünftigen Mitbewohner kaum kennenlernen zu können (für ein persönliches Treffen war keine Zeit) war zwar erst etwas befremdlich, wir verstanden uns aber schnell.

Der schwere Teil des Umzugs

Wirklich realisiert, was der Umzug bedeuten würde, habe ich erst eine Woche vor dem Auszug. Vorher hatte ich kaum darüber nachgedacht, was es heißen würde, in einer nahezu unbekannten Stadt auf sich allein gestellt zu sein. Und das nicht nur für einen kurzen Aufenthalt wie im Urlaub, sondern für die nächsten drei Jahre – mindestens. Diese Unsicherheit überwog kurz vor dem Auszug, obwohl ich mich vorher sehr auf die neue Stadt und ein neues Umfeld gefreut habe.

Im Nachhinein glaube ich, dass diese Unsicherheit ganz normal ist und die allermeisten dieses Gefühl kennen. So viel auch immer davon geredet wird, seine Komfortzone verlassen müssen, so drastisch wie bei einem Umzug tut man das selten. Damit ist nämlich auch verbunden, von heute auf morgen die Verantwortung für eine Wohnung oder ein Zimmer zu übernehmen, sein Leben in allen Aspekten selbst zu organisieren (Einkaufen, Putzen, Arzt- und Amtstermine, usw.). Außerdem möchte man sich natürlich einen neuen Freundes- und Bekanntenkreis aufbauen. Ganz abgesehen davon ist auch der Auszug aus dem Elternhaus ein großer Schritt im Leben, der den meisten nicht leichtfällt. Und man überlegt sich selbstverständlich zwei Mal, ob man das wirklich möchte.

Wichtig ist, sich von diesen Zweifeln nicht verrückt machen zu lassen. Und vielleicht haben sie auch eine gute Funktion. Neben der ursprünglichen Euphorie erden sie und lassen wieder etwas Realismus eintreten, denn in den seltensten Fällen treten alle schlimmen Befürchtungen gleichzeitig ein – und selbst dann könnte man nach einem Semester wieder zurückziehen und hat eine Menge über sich selbst gelernt.

Alles halb so schlimm

Und auch meine Sorgen waren unbegründet, da die Uni in den ersten Wochen und Monaten zahllose Gelegenheiten bietet, neue Leute kennenzulernen und Freunde zu finden. Und das ist gar nicht so schwer, wie man sich vorstellt, denn alle sind in der gleichen Situation, niemand möchte allein studieren. Deshalb schlägt einem viel Offenheit entgegen, man kommt leicht in Gespräche. Außerdem gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen: durch Referate, die man gemeinsam halten muss, Seminare, Sportvereine, Jobs, Kirchen, politische Parteien usw.

In die anderen neuen Aufgaben und Verpflichtungen wächst man gezwungenermaßen hinein. Irgendwann stellt man fest, dass sich der Abwasch tatsächlich nicht von selbst macht und die Dusche nicht vom duschen sauber wird…

Ich bin Noah, 21 Jahre alt und studiere Politikwissenschaft in Berlin. Nach meinem Abitur 2016 habe ich einige Monate gearbeitet, um mir eine Reise nach Südostasien und Neuseeland zu finanzieren.

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